Der europäische Wolf (Canis lupus L.)
Tier des Jahres 2003
Das Märchen vom Bösen Wolf: ein Märchen?
Der Wolf ist das Tier des Jahres 2003. Damit hat die Schutzgemeinschaft Deutsches Wild ein Tier ausgewählt, dass in Deutschland lange Zeit ausgestorben war. Jetzt kehrt der Wolf über Polen hierher zurück.
Auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen fühlt sich ein Rudel bereits so wohl, dass die Tiere schon Nachwuchs bekommen haben. Die Auswahl zum Tier des Jahres ist eine gute Gelegenheit, das Bild vom bösen Wolf in der Öffentlichkeit gerade zu rücken, denn viele Menschen haben nach wie vor Angst vor diesem scheuen Raubtier.
Von der verfolgten Bestie zum geschützten Tier
Der Wolf gehört zur Familie der Hundeartigen. Er besiedelte einst die gesamte nördliche Erdhalbkugel von Nordamerika bis Japan. In Europa wurde er im Laufe der letzten Jahrhunderte hauptsächlich in den westlichen Ländern gnadenlos verfolgt und ausgerottet. Bereits im Jahre 813 setzten die Grafen Karls des Großen Beamte ein, die ausschließlich für die Jagd auf Wölfe zuständig waren. Abschussprämien für Wölfe waren in vielen Ländern über Jahrhunderte hinweg üblich. In Deutschland war der letzte Wolf Mitte des 19. Jahrhunderts verschwunden.
Ein Grund für den erbitterten Hass der Bevölkerung auf dieses Tier war sicherlich die Nahrungskonkurrenz. Für die Jäger war der Wolf der größte Konkurrent im Wald. Die Bauern verachteten ihn, weil sie nicht selten um ihr Vieh bangten. Gleichzeitig war der Wolf in Europa seit jeher ein Sinnbild des Bösen. Legenden über Werwölfe, über blutrünstige Tiere, die in Dörfer einfallen, um Frauen und Kinder zu stehlen, und das Märchen vom Rotkäppchen machten den Wolf zu einem gefürchteten Tier, das es zu vernichten galt.
Mittlerweile hat sich die Situation für den Wolf zum Positiven gewandelt. Er steht in zahlreichen Ländern unter Artenschutz. Stabile Populationen gibt es heute wieder in Polen, Rumänien und Russland. Auch in Spanien und Italien – hier vor allem durch Wiederansiedlungs-Projekte – ist der Wolf wieder heimisch. In einigen nördlichen Staaten der USA sowie in Kanada ist der Wolf ebenfalls zahlreich vertreten.
Schutzmaßnahmen (z.B. Elektrozäune oder der Einsatz von Herdenschutzhunden) für Vieh- und Schafherden in „Wolfsgebieten” sowie Schadenersatz für gerissene Tiere führten dazu, dass viele Bauern den Wolf in ihrer Nachbarschaft tolerieren. Ein Großteil der Jäger sieht den Wolf inzwischen nicht mehr als Konkurrenten, sondern als nützlichen Räuber, der den Wildbestand sinnvoll reguliert, weil er die alten und kranken Tiere erbeutet. Der Wolf hat an der Spitze der Nahrungskette also eine wesentliche Bedeutung für das biologische Gleichgewicht im Ökosystem Wald. Viele Menschen betrachten den Wolf als Sinnbild für Freiheit und unberührte Natur und sind fasziniert von seiner Intelligenz.
Das Märchen vom bösen Wolf
Das Wichtigste, was es über den Wolf zu berichten gibt, ist wohl: Außer aus Kriegszeiten oder Epochen großer Hungersnot gibt es bis heute keinen Nachweis darüber, dass ein gesunder frei lebender Wolf jemals einen Menschen angegriffen hat. Wolfsforscher sind der Ansicht, dass sich hinter den blutrünstigen Geschichten über Menschen fressende Wölfe oftmals Angriffe streunender, tollwütiger Hunde oder Wolf-Hund-Mischlinge verbergen. Außerdem machten die Wölfe in jenen Zeiten auch vor den eilig verscharrten Leichen nicht Halt. Dieses grausame Szenario betrachteten die Menschen als Beweis für das Böse in Wolfsgestalt, und die „Leichenfledderei” schürte den Hass auf diese Tiere einmal mehr.
Im Zuge seiner Ausrottung hat der Wolf eine extreme Scheu gegenüber dem Menschen entwickelt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Wolfsbiologen die Tiere selber so gut wie nie zu Gesicht bekommen, sondern sich mit deren Spuren zufrieden geben müssen. Die Gefahr, bei einem Waldspaziergang auf einen „angriffslustigen” Wolf zu treffen, ist also gleich Null. Wer tatsächlich in die Situation kommt, einen frei lebenden Wolf aus der Ferne zu sehen oder zu hören, sollte diesen Moment als seltenes Naturereignis verbuchen.
Zur Lebensweise:
Territorien:
Wölfe leben in einem Sozialverband, der aus den Elterntieren und Nachkommen aus den voran gegangenen Jahren besteht. Im Zuge von Revierkämpfen kommt es immer wieder vor, dass familienfremde Tiere sich einen Platz in einem Rudel erobern – so wird die Inzucht zwischen den Tieren verhindert. Die Rudelgröße schwankt je nach Lebensraum zwischen drei und – in seltenen Fällen – 20 Tieren. Es gibt auch Wölfe, die als Einzelgänger ihr Revier durchwandern. Dabei handelt es sich entweder um Jungtiere, die aus dem Rudel gedrängt wurden und auf der Suche nach einem Partner sind, oder um die rangniedrigsten Tiere eines Rudels, die lediglich einen großen Abstand zur restlichen Gruppe wahren.
Wölfe besiedeln feste Territorien, die Hunderte von Quadratkilometern groß sein können. An markanten Punkten markieren sie das Revier mit Kot und Urin. Anders als beim gewöhnlichen Urinieren hebt auch das ranghöchste Weibchen beim Markieren das Bein. Zwischen rudelfremden Wölfen kann es an den Territoriumsgrenzen zu erbitterten Revierkämpfen kommen.
Das Heulen:
Das wohl bekannteste Klischee über Wölfe ist das Heulen bei Vollmond. Wölfe heulen tatsächlich bei Vollmond, aber sie heulen auch bei Halb- und Neumond, bei Sonnenschein und Regen, morgens und nachmittags. Diese Lautäußerung hat verschiedene Hintergründe. Einzelne Wölfe heulen, um Kontakt miteinander zu halten, wenn sie sich weit verstreut durch das Revier bewegen. Gemeinsames Heulen stärkt die Zusammengehörigkeit. Diese so genannten Rallyes, bei denen die Tiere dicht beieinander stehen, sich heulend und japsend gegenseitig anstupsen und die Schnauzen belecken, finden häufig kurz vor der Jagd statt oder wenn die Wölfe nach langer Abwesenheit wieder aufeinander treffen. Nicht zuletzt dient das Heulen der Reviermarkierung.
Lebenszyklus:
Die Ranzzeit dauert bei Wölfen etwa von Dezember bis Februar. Duftstoffe im Urin der Alpha-Fähe weisen den Rüden darauf hin, dass die Wölfin empfängnisbereit ist. In dieser Zeitspanne weicht der Rüde ihr nicht von der Seite. Vor- und nachher kopuliert die Fähe auch mit rangniedrigeren Rüden. Ein guter Trick, damit sich später alle Tiere um den Nachwuchs kümmern. Es könnte ja sein, dass es der eigene ist.
Nach etwa 63 Tagen Tragzeit bringt die Wölfin in einer Höhle zwei bis acht Junge zur Welt. Ein Wolfsrudel verbringt das Frühjahr und den Sommer in der Nähe von so genannten Sommerlagern, deren Zentrum der Bau ist. In den ersten drei Wochen nach der Geburt bleibt die Mutter in der Höhle, um die Welpen zu säugen und zu beschützen. Die anderen Tiere schleppen das Futter für sie heran. Wenn sich nach etwa zwei Wochen Augen und Ohren der Welpen geöffnet haben und eine Woche später die ersten Milchzähne durchbrechen, wagen sich die Jungen aus dem Bau heraus. Ab diesem Zeitpunkt kümmert sich das gesamte Rudel um die Kleinen. Sie wechseln sich mit der Futterbeschaffung und der „Aufsicht” der Welpen ab. Die Jungen betteln die zurückkehrenden Wölfe um Futter an, indem sie ihnen die Schnauzen lecken. Das löst bei den Alttieren den Reflex aus, Nahrung hervorzuwürgen. Bereits mit acht Wochen sind die Kleinen auch in der Lage, selber Fleisch zu kauen. Im Herbst sind die Jungen groß genug, um die Wölfe auf ihren langen Wanderungen durch das Revier zu begleiten. In seinem ersten Lebensjahr besitzt ein Wolf eine gewisse Narrenfreiheit im Rudel. Im Spiel mit seinen Wurfgeschwistern und den erwachsenen Tieren lernt ein Wolf alle wichtigen Verhaltensweisen, die er zum Überleben braucht. Einen festen Platz in der Rangordnung haben diese Tiere in der Regel noch nicht.
Die Jagd:
Das Beutespektrum eines Wolfes reicht in der Größe von Mäusen bis zu Bisons. Wölfe, die große Tiere erbeuten, jagen gemeinsam. Um dabei erfolgreich zu sein, brauchen sie ausgeklügelte und aufeinander abgestimmte Strategien. Die Tiere beginnen die Jagd mit dem Hetzen der Herde. So erkennen sie schnell die langsameren alten oder kranken Tiere, die sie von den Gruppe trennen, indem sie sie einkreisen. Manchmal warten bereits einige Wölfe eines Rudels in einem Versteck voraus und die anderen Tiere treiben die abgetrennte Beute in deren Richtung. Anders als Großkatzen töten Wölfe ein großes Beutetier nicht immer mit einem gezielten Biss in den Hals, sondern zerren es gemeinsam zu Boden. An der erlegten Beute fressen entweder alle gleichzeitig oder die Fressordnung richtet sich nach der Hierarchie im Rudel. Wölfe verschlingen so viel wie möglich von der Beute auf einmal (sie verdauen die Nahrung innerhalb weniger Stunden und fressen bei Bedarf sofort weiter) und verscharren häufig einen weiteren Teil. Das sichert ihnen Reserven bis zum nächsten Jagderfolg, der oft lange auf sich warten lässt. Ein gesunder Wolf kann bis zu zwei Wochen ohne Nahrung auskommen. Das Erlegen eines großen Beutetieres kann sich über mehrere Tage hinziehen und ist sehr kräftezehrend. Obwohl Wölfe eigentlich Fleischfresser sind, verschmähen sie auch Früchte oder Abfälle nicht, wenn die Nahrung knapp ist.
Wolf und Hund:
Der Wolf ist der Stammvater aller Haushunde – vom Pekinesen bis zur Dogge. Bis vor einigen Jahren gingen die Forscher davon aus, dass die Menschen vor etwa 15.000 Jahren Wolfswelpen zu sich holten und dann die besonders menschenfreundlichen Tiere weiter vermehrten. Heute vertreten immer mehr Wissenschaftler die Theorie, dass es genau umgekehrt war: Der Wolf näherte sich von selbst den Menschen, hielt sich in deren Nähe auf und ernährte sich von ihren Essensresten. Egal, wer auf wen zugegangen ist – im Laufe der Jahrtausende entwickelten sich durch gezielte Auswahl und Zucht bestimmter Eigenschaften und Körpermerkmale aus diesen Wölfen unsere Hunde.
Wolf-Hund-Mischlinge:
Für einige vermeintliche Wolfsliebhaber geht die Liebe zu diesem Tier so weit, dass sie sich wünschen, einen Wolf zu besitzen. Besonders in den USA, aber mittlerweile vereinzelt auch in Deutschland, kommt es deswegen immer mehr in Mode, sich einen Mischling aus Wolf und Hund (Hybrid) ins Haus zu holen. Davon ist dringend abzuraten! Die Zucht und der Kauf solcher Mischlinge sind erstens Tierquälerei, da die Tiere in ihrem Verhalten immer wieder hin und her gerissen sind zwischen Menschenfreundlichkeit und Scheu – sie sind sozusagen weder „Fisch noch Fleisch”. Die Haltung eines solchen Mischlings ist außerdem verantwortungslos und gefährlich. Im Gegensatz zu den meisten Hunden ist das Verhalten eines Hybriden unberechenbar. Für den Umgang mit diesen Tieren bedarf es fundierten Kenntnissen über Wolfsverhalten. Doch selbst dann hat der Mensch kaum Einfluss darauf, ob und wann in einem Hybriden die ursprünglichen Eigenschaften durchbrechen. Das Jagdverhalten oder der Versuch, sich die oberste Stelle im menschlichen Rudel zu erobern – solche Verhaltensweisen werden bei einem Hybriden erstens schneller ausgelöst und zweitens konsequenter bis zum Ende „durchgezogen” als bei Hunden. Nicht zuletzt sind entlaufene Wolf-Mischlinge weitaus gefährlicher für den Menschen als reinrassige Wölfe, da sie wenig oder keine Scheu vor Menschen besitzen.
Die Autorin: Jutta Schulke






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